Ein wahrer Freund auf vier Pfoten

Simba, der Labrador, ist 17 Monate alt. Obwohl noch im «Flegelalter», ist er für die Familie, in der er lebt, bereits eine grosse Hilfe: Simba begleitet den 8-jährigen Sohn als Assistenzhund.

 

Ein Herz und eine Seele: Assistenzhund Simba gibt dem 8-jährigen Jungen, der an Autismus leidet, Ruhe und Sicherheit. Foto: Fiorella Rios

Die Diagnose kam erst spät. Der Jüngste der Familie war fast 6 Jahre alt, als seine Eltern erfuhren, dass er an frühkindlichem Autismus leidet. Der Junge, dessen Name nicht erwähnt werden soll, liess ungern körperliche Nähe zu, erlitt «aus dem Nichts» Wutanfälle, schmiss mit Gegenständen um sich, rannte ins Zimmer und blieb manchmal für zwei Stunden weinend dort, liess niemanden an sich heran. Seit der Labradorrüde Simba vor gut einem Jahr als Welpe zur Familie gekommen ist, hat sich einiges verändert – zum Guten, wie die Mutter Gaby Elmiger sagt. «Die Anfälle sind in der Anzahl weniger geworden und sie dauern weniger lange. Zwar rennt unser Sohn immer noch ab und zu ins Zimmer, Simba beruhigt ihn jedoch durch seine Anwesenheit, mit Kopfauflegen und Kontaktliegen. So ist schnell wieder alles gut und beide kommen zufrieden aus dem Zimmer.» Und dabei ist Simba erst am Anfang seiner Ausbildung zum Assistenzhund.


Er kam, sah und blieb

Mehr als ein Jahr lang hat sich die Familie die Anschaffung eines Assistenzhundes überlegt. Auslöser sei die Frage einer Hundezüchterin gewesen, die sie schon seit vielen Jahren kenne, ob sie sich überlegt hätten, mit einem Assistenzhund zu arbeiten. «Daraufhin habe ich angefangen im Internet zu recherchieren und bin auf die Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde in Allschwil gestossen», sagt Gaby Elmiger. Dort werden mittlerweile auch Assistenzhunde, Autismusbegleithunde und Sozialhunde ausgebildet. «Es kann aber mehrere Jahre dauern, bis man einen Assistenzhund erhält.» Zwar standen sie auf der Warteliste, dennoch wäre ihr Sohn knapp 10 Jahre alt gewesen, bis es so weit gewesen wäre. «Da Autismusbegleithunde aber nur an Familien mit betroffenen Kindern bis maximal 10 Jahre vermittelt werden, war uns dies zu unsicher. Ob es dann wirklich geklappt hätte, wussten wir nicht.» Dann habe sich die befreundete Hundezüchterin gemeldet und gesagt, dass sie einen geeigneten Welpen hätte. Die Familie überlegte sich das Angebot gut, beansprucht ein junger Hund doch jede Menge Zeit, erinnert sich Gaby Elmiger. Zum Kennenlernen kam der kleine Labrador während der Schulferien zur Familie im Hitzkirchertal. Schnell war klar: Er soll bleiben.
Selbstausbildung als Vorteil.

Die Ausbildung des Hundes übernimmt Gaby Elmiger nun selbst; der Verein Assistenzhundezentrum Schweiz bietet Selbstausbildungen an. Zur Ausbildung, die rund zwei Jahre dauert, gehören Theorieblöcke sowie der Eins-zu-Eins-Unterricht mit dem Hund und seinem «Frauchen», meist im gewohnten Umfeld. Am Schluss muss eine theoretische sowie praktische Prüfung abgelegt werden, alle zwei Jahre gibt es eine Nachprüfung. «Der Vorteil bei der Selbstausbildung besteht darin, dass wir Simba exakt für die Bedürfnisse unseres Sohnes ausbilden können.» Die Ausbildung des Labradors zum Assistenzhund kostet Familie Elmiger rund 7000 Franken, nicht miteingerechnet sind die Anschaffungskosten für den Hund. Finanzielle Unterstützung durch staatliche oder private Institutionen oder Organisationen bekommt sie nicht.

Während Blindenführhunde schon lange auch einer breiten Bevölkerung bekannt sind, kennen erst wenige die Assistenzhunde. Erst seit 2014 werden sie im Bundesgesetz erwähnt, dabei sind sie vielen Menschen eine grosse Hilfe. Dennoch würden sie zu wenig Anerkennung erfahren. «Währenddem Blindenführhunde von der Hundesteuer befreit sind, wird diese für Assistenzhunde in vollem Umfang erhoben», so Gaby Elmiger. «Das finde ich nicht richtig, auch wenn es mir nicht um den Betrag als solchen geht. Auch der Blindenführhund ist ein Assistenzhund. Eine Gleichstellung wäre also an der Zeit.» Dies könnte sich im Kanton Luzern vielleicht bald ändern. Im September reichte die Mitte-Kantonsrätin Claudia Wedekind aus Ermensee eine Motion ein, die eine Befreiung der Assistenzhunde von der Hundesteuer verlangt (der «Seetaler Bote» berichtete).

Assistenzhund Simba. Foto:pd

Der «grosse Bruder»

Simba steckt noch mitten in seiner Ausbildung, diese ist in etwa eineinhalb Jahren zu Ende. Doch bereits jetzt hilft er der Familie und vor allem dem 8-jährigen Jungen. Das Kind habe die Tendenz wegzurennen – ob beim Einkaufen, Arzt oder Anstehen an der Bergbahn. Auch zu Wutausbrüchen komme es in der Öffentlichkeit. Ein Blick, ein Geräusch oder Lärm im Allgemeinen genüge. Dem Jungen werde es schnell zu viel und zu laut. Zu Simbas Aufgaben wird es gehören, bei Bedarf Abstand zu Menschen zu schaffen. Bereits jetzt gelingt es dem Hund, seinen «Schützling» zu beruhigen und zu trösten. «Unser Sohn kann Simba umarmen und in ihn hineinweinen. Er gibt ihm Selbstvertrauen, wenn er ihn pflegt oder mit ihm spielt. Der Hund ist sein bester Freund, der ihm nie böse ist. Der Bub sagt immer, Simba sei sein grosser Bruder.»

Schon als Welpe habe der Hund sehr gut gespürt, wann er gefragt war und sei dem Kind nachgegangen, wenn er sich weinend oder schreiend in sein Zimmer zurückgezogen habe. «Klar hat es zu Beginn eine Eingewöhnungszeit gebraucht. Unser Sohn hatte Simba zwar von Anfang gern, liess aber auch ihn nicht nahe an sich herankommen.» Mittlerweile darf sich der fast 30 Kilogramm schwere Hund zum 8-Jährigen ins Bett legen.

«Simba unterstützt uns bei vielem»

Der 17 Monate alte Labrador schafft es bereits nur durch seine Anwesenheit das Kind zu beruhigen. Nun muss er lernen, dass er sich dem Jungen in den Weg stellt, wenn dieser durch eine Türe wegrennen will – bisher war Simba dieser Aufgabe rein körperlich noch nicht gewachsen – und er muss den 8-Jährigen suchen und finden können, wenn er sich versteckt. Ohne zuvor an einem Kleidungsstück zu schnüffeln notabene. «Ich bringe Simba bei, den Geruch meines Sohnes abzuspeichern, sodass er ihn auf mein Kommando suchen kann.»
Assistenzhunde haben in der Schweiz fast überall Zutritt, auch in Supermärkte. Wenn der Labrador «offiziell» als Assistenzhund unterwegs ist, trägt er eine Kennweste. Auch das bedeutet für die Familie eine Erleichterung. «Durch das Verhalten unseres Sohnes wurden wir früher auch schon mal beschimpft. So haben wir uns automatisch zurückgezogen. Jetzt unternehmen wir wieder öfters Ausflüge. Denn das Verhalten unseres Sohnes, bei dem immer mit Ausrastern gerechnet werden muss, ist dann für andere nicht mehr das eines ungezogenen Kindes, das die Eltern nicht im Griff haben. «Simba mit seiner Kennweste signalisiert, dass da etwas ist», sagt Gaby Elmiger. Das Verständnis der Leute sei durch die Weste grös­ser. «Das vereinfacht für uns einiges und erleichtert es uns als Familie am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.» Das Kind kann sich an einem Griff an der Kennweste festhalten, was ihm Sicherheit gibt. «So hat unser Sohn schon grosse Fortschritte gemacht; er ist nicht mehr so schnell überreizt.»

Auch ein Arztbesuch kann mit Assis­tenzhund fast schon entspannt vonstattengehen. So erzählt Gaby Elmiger, dass ihr Sohn eine Untersuchung generell verweigere. «Als wir Simba zum Kinderarzt mitgenommen haben, hat er zuerst den Hund abgehört und abgetastet. Mein Sohn sah sehr interessiert zu und liess sich dann auch untersuchen.» Selbst auf dem Zahnarztstuhl habe der 8-Jährige dank Simba das erste Mal ohne Weinen Platz genommen.

Der Hund als Brückenbauer

Der 8-Jährige leidet an frühkindlichem Autismus, ist zum Teil auch bei alltäglichen Verrichtungen auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen und besucht zurzeit eine Sonderschule. Jeder Autist ist anders. Wie ihr Sohn einmal als Jugendlicher oder Erwachsener sein werde, darüber könnten die Ärzte keine Prognose stellen. «Man weiss es nicht, wie er sich entwickeln wird.» Auch hier kommt Simba ins Spiel. «Unser Wunsch ist es, dass unser Sohn dank des Hundes ohne Begleitung eines Elternteils aus dem Haus gehen kann. Unser Sohn hat im sozialen Bereich Schwierigkeiten und Simba kann hier eine Art Brückenbauer sein.» Zudem gibt er seinem «Schützling» Sicherheit, damit dieser auch eine nur flüchtige Begegnung auf der Strasse mit einem Passanten meistern kann. «Ich wünsche mir, dass Simba unserem Sohn so, wenn er etwas älter ist, eine Teilnahme am Leben ‹draussen› ermöglichen kann.»

Simba ist natürlich nicht nur für den 8-Jährigen da, die ganze Familie profitiert von seiner Anwesenheit. «Simba sorgt bei der ganzen Familie für Entspannung und ist eine grosse Bereicherung. Er ist für uns alle ein Familienmitglied und manchmal sogar Psychologe», sagt Gaby Elmiger und lacht. Auch wenn Simba ein Assistenzhund ist, so dürfe er dennoch ein normaler Junghund und Familienhund sein. «Einfach mit ein paar ‹special effects›.»

Manuela Mezzetta

Zwei Aufgaben für einen Hund

Assistenzhunde werden bei verschiedenen Krankheitsbildern eingesetzt, zum Beispiel als Warnhunde im Bereich Diabetes und Epilepsie, als Signalhunde für Gehörlose, als Assistenzhunde für Körperbehinderte und psychisch Erkrankte sowie als Autismusbegleithunde. Der erste Autismusbegleithund wurde 1996 in Kanada ausgebildet. Er hat innerhalb der Assistenzhunde eine Sonderstellung. Klassisch arbeitet ein Assistenzhund immer für einen Menschen, denjenigen mit der Behinderung. Während zum Beispiel ein Kind im Rollstuhl die Hauptbezugsperson für seinen Assistenzhund ist und ihm die Kommandos geben muss, hat der Autismusbegleithund mehrere Bezugspersonen. Er arbeitet in einem Dreiergespann aus Mutter oder Vater, Kind mit Autismus und Autismusbegleithund.

Bei einem Autismusbegleithund für das Kind übernehmen die Eltern die vollständige Verantwortung für den Hund, während dieser eine enge Bindung zu allen Familienmitgliedern aufbaut und sowohl dem Autisten als auch den Eltern hilft. Ein Autismusbegleithund verbessert das Leben der gesamten Familie. Er übernimmt gleich zwei Aufgaben: Als Therapiehund kann er helfen, die Motorik und das Vokabular zu verbessern, Bindung zuzulassen und Kontakte zu fördern. Als Assistenzhund übernimmt er aktiv Aufgaben, um die Sicherheit der betroffenen Person zu gewährleisten.

In der Schweiz ist gemäss Hygieneverordnung der Zutritt von Assistenzhunden im Lebensmittelbereich gestattet. Der Zutritt darf dem Assistenzhund nicht verwehrt werden, und es braucht auch nicht die Zustimmung des Inhabers des Hausrechts. pd/mm

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