Zwischen Adrenalin und Kopfarbeit

Stephan Bühlmann wurde am Mittwoch der Vorwoche als Polizist vereidigt. Damit geht für ihn ein «Bubentraum» in Erfüllung. Der Gelfinger erzählt von der Ausbildung sowie den Sonnen- und Schattenseiten seines Berufes im Dienste der Öffentlichkeit.

Stephan Bühlmann aus Gelfingen wurde am Mittwoch der Vorwoche als Polizist vereidigt. Foto Milena Stadelmann

Traumberuf Polizist? Das traf auf Stephan Bühlmann schon in frühen Jahren zu. «Wahrscheinlich kam der Wunsch von den vielen Actionfilmen, die ich damals geschaut habe», sagt der 31-Jährige. «Ich wollte etwas Spannendes und Vielseitiges machen.» Er informierte sich über den Ausbildungsweg: Vor der Aufnahme an der Polizeischule muss man bei der Luzerner Polizei entweder eine Berufslehre oder die Matura abschliessen. Bühlmann entschied sich für Ersteres, liess sich zum Carrosseriespengler ausbilden – wie sein Vater vor ihm.

Nach der vierjährigen Lehre verschob sich die Polizeiausbildung zunächst nach hinten. Beim Fussball riss sich Bühlmann ein Kreuzband, später hatte er mit einem Bandscheibenvorfall zu kämpfen. Doch der Traum blieb bestehen: Die Verletzungen heilten ab, Bühlmann begann 2018 die Ausbildung an der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch. 

Heute sitzt der ausgebildete Polizist wieder mit Krücken beim Interview. Ein Misstritt beim Joggen führte dazu. Er nimmt es mit Humor: «Leider gibt es zu der Verletzung keine spannende Geschichte aus dem Polizeialltag.»

Köpfchen und Fitness
Die einjährige Ausbildung an der Polizeischule war für Bühlmann intensiv: «Es war schon speziell, nach dem beruflichen Alltag wieder in die Schule zu gehen.» Sowohl Köpfchen, als auch Fitness waren gefragt: Er musste nicht nur die Theorie büffeln, sondern auch sportliche Leistungen erbringen. Zu der Ausbildung gehörte beispielsweise das Absolvieren des Schwimmbrevets im Fluss. Das habe die Ausbildung sehr abwechslungsreich gemacht, findet Bühlmann. Ihm gefiel die Kombination aus Theorie und Praxis. Das Fussballspielen kam ihm bei den sportlichen Aspekten zu Gute: «Dadurch war ich schon sehr fit.» 

Die Ausbildung sei anspruchsvoll, aber machbar. «Insbesondere wenn man mit Motivation und Freude dabei ist.» Der Einsatz zahlte sich aus: Im Herbst 2019 schloss der Gelfinger seine Ausbildung ab und arbeitet seither beim Patrouillendienst der Verkehrspolizei. 

Inzwischen dauert die Ausbildung bis zur eidgenössischen Berufsprüfung zwei Jahre. An der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch absolviert man das erste Jahr, danach erfolgt die Praxisausbildung in der Ausbildungsformation der Luzerner Polizei.

Die Schule des Lebens
Die Ausbildung habe ihn grundsätzlich gut auf den Alltag als Polizisten vorbereitet, sagt Bühlmann. Doch: «In der Schule lernt man natürlich nie alles.» Täglich trifft er auf neue Situationen. Ohnehin sei jeder Tag anders – insbesondere im Aussendienst. Ein Verkehrsunfall, ein Hilferuf aufgrund von Häuslicher Gewalt, oder ein weggelaufenes Tier. «Man fängt am Morgen an zu arbeiten und weiss nicht, was auf einen zukommt.» 

Dabei trifft Bühlmann im Alltag als Polizist auch auf Situationen, bei denen er an seine Grenzen stösst. In seinem ersten Jahr mussten er und sein Patrouillenkollege einer schwangeren Frau die Todesnachricht ihres Mannes überbringen. Zur selben Zeit erwartete auch seine Frau ein Kind. «Darauf kann dich niemand vorbereiten», sagt er. In so einem Moment helfe man sich unter den Kollegen gegenseitig. Zudem steht den Polizistinnen und Polizisten bei traumatischen Erlebnissen professionelle Hilfe zur Seite. «Auch das Negative gehört zu dem Job dazu.»

Zum Ausgleich treibt Bühlmann Sport. Halt findet er bei seiner Familie und seinen Freunden. Auch das Vorausdenken helfe ihm dabei, nach einer schwierigen Situation weiterzumachen. Denn: «Das Positive überwiegt aus meiner Erfahrung im Berufsalltag.» So konnten er und sein Patrouillenpartner bei einem Einsatz einen Menschen reanimieren, der sich danach wieder erholt hat. Oder sie brachten einem Mann seinen weggelaufenen Hund zurück. «Für ihn war der Hund sein ein und alles.»

Den Eid geschworen
Inzwischen arbeitet der 31-Jährige seit eineinhalb Jahren als Polizist. Auf die offizielle Vereidigung musste er sich aufgrund der Corona-Pandemie lange gedulden. Am Mittwoch der Vorwoche war es schliesslich so weit (siehe Kasten). «Es war ein schönes Erlebnis, endlich den Eid schwören zu dürfen.» Hinter diesem stehe er nun zu 100 Prozent. 

Bühlmann würde sich immer wieder für den Beruf des Polizisten entscheiden. «Der Job ist super, abwechslungsreich und sehr interessant.» Er erfordere aber auch ein hohes Mass an Kommunikations- und Teamfähigkeit, denn auf den Einsatzpatrouillen ist man immer zu zweit unterwegs. «Auch Empathie spielt in meinem Beruf eine wichtige Rolle.» Die Bevölkerung soll die Polizei schliesslich nicht als «die Bösen» wahrnehmen. Oft richte sich die Feindseligkeit aber nicht gegen den Menschen an sich, sondern gegen die Uniform. «Das kann beispielsweise auch an schlechten Erlebnissen mit der Polizei liegen.» Bühlmann war im Alltag noch nie mit so einer Situation konfrontiert. Trotzdem ist er sicher: «Die Bürgernähe ist für die Polizei von grosser Bedeutung.» In der Praxis fehle es aber leider manchmal an der Zeit, um einfach mit den Menschen auf den Strassen zu plaudern. «Die meisten Menschen sind aber sehr dankbar für unsere Arbeit und dafür, dass es uns gibt», sagt er.

Unterstützung der Familie
Besonders wichtig am Job sei auch die Flexibilität. Nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in Bezug auf die Arbeitszeiten: Nachtschichten und Wochenenddienst gehören zum Alltag eines Polizisten oder einer Polizistin dazu. Trotzdem lasse sich der Beruf gut mit Familie und Freunden vereinbaren, findet Bühlmann.

Sein Umfeld habe ihn ohnehin von Anfang an, beim Vorhaben Polizist zu werden unterstützt und bringe ihm ein grosses Interesse an seinem Berufsalltag entgegen. Das sei nicht selbstverständlich: Andere Kollegen hätten durch die Ausbildung offenbar sogar Kollegen verloren. In den Clinch zwischen Freundschaft und seiner Aufgabe als Polizist komme er nicht: «Die sind zum Glück ganz anständig.»

«Man soll so sein, wie man ist»
Noch steht der Gelfinger am Anfang seiner Karriere. Es gibt verschiedene Richtungen, die er in Zukunft innerhalb der Polizei einschlagen könnte. Kriminalpolizist, bei der Wasserpolizei  oder als Hundeführer? «Bis jetzt interessiert mich noch alles», sagt er.

Heute weiss Bühlmann: Die Realität des Polizeiberufs weicht von den Vorstellungen aus den Actionfilmen seiner Kindheit ab. «Das Adrenalin macht nur einen kleinen Teil des Alltags aus.» Das Schreiben von Rapporten und das Erledigen von administrativen Aufgaben gehören genauso zum Alltag eines Polizisten dazu. «Das sieht man erst, wenn man im Berufsleben steht.»  Das mache ihm aber nichts aus. Im Gegenteil: Die Abwechslung zwischen Kopfarbeit und Adrenalin mache den Beruf gerade so spannend. «Man kann draussen im Einsatz sein und sich danach für die Büroarbeiten wieder zurückziehen.» 

Was für ein Tipp Bühlmann an angehende Polizistinnen und Polizisten hat? «Man soll so sein, wie man ist und sich nicht verstellen, nur weil man eine Uniform trägt.» 

von Milena Stadelmann

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