Verhärtete Fronten bei der Talstrasse

 Rund 200 Personen waren am Donnerstagabend der Vorwoche zur Infoveranstaltung der Idee Seetal AG zum Thema Talstras­se gekommen. Pro und Contra stellten ihre Argumente vor.

Walter Mattmann richtet seine Fragen an die Experten des Abends.

«Ich bitte um einen sachlichen und respektvollen Ton und dass wir uns heute mit Achtung begegnen.» Diese Begrüssungsworte von Anita Dietrich, Geschäftsführerin der Idee Seetal AG, welche sie später mehrmals wiederholte, zeigten deutlich: Es lag Spannung in der Luft. Denn schliesslich ging es um ein mittlerweile emotionales Thema: Die geplante Talstrasse als Umfahrungsstrasse der Dörfer Hochdorf, Ballwil und Eschenbach. Es wurde zum Schluss ein Abend, in dem der Wunsch von Anita Dietrich zwar erfüllt wurde, aber der keine grossen neuen Erkenntnisse brachte. Pro und Kontra stehen sich gegenüber und formulieren ihre Argumente, so auch an diesem Abend. Viele Fragen aber, vor allem von der Kontraseite, blieben unbeantwortet.

Die offenen Fragen würden im Vorprojekt beantwortet, so auch die Frage nach dem Verlust von Kulturland, betonte Roland Meier von der Dienststelle Verkehr und Infrastrukur (vif). «Wir haben einen Auftrag von der Regierung, vom Kantonsrat», so das Argument von Beat Hofstetter, ebefalls von der fiv. Dies genügte den Gegnern der Talstrasse nicht. Sie wollen das Vorprojekt stoppen und grundsätzlich über die Lösung der Verkehrsprobleme reden. Und genau dies war auch der einzige Punkt, in dem sich Befürworter und Gegner der Talstrasse einig sind: Das Seetal hat ein Verkehrsproblem.

Gute Erschliessung notwendig

Zunächst begrüsste Anita Dietrich den Verwaltungsratspräsidenten Fredy Winiger mit den Worten: «Er wird ­Ihnen aufzeigen, warum das Seetal eine Talstrasse braucht.» Winiger betonte die Wichtigkeit einer guten Erschliessung des Seetals, «nur so bleibt der Standort interessant. Wir brauchen eine gute Lösung.» Ob die Talstrasse eine solche gute Lösung sei, sagte ­Winiger, der als Kantonsrat eine Petition für die Prüfung einer Tunnelvariante nach Sempach unterschrieben hat (der «Seetaler Bote» berichtete), allerdings nicht.

Der Sprecher der Idee Seetal AG in Sachen Talstrasse, Pius Höltschi, betonte die Rolle des regionalen Entwicklungsträgers. Auftraggeber seien der Kanton und die Gemeinden, und so auch indirekt die Bevölkerung. Höltschi erwähnte in einem Rückblick die Seetalkonferenz, welche klar für eine Talstrasse gewesen sei, sowie den regionalen Entwicklungsplan und den kantonalen Richtplan. In diesen Dokumenten sei die Talstrasse aufgeführt. Die drei Hauptargumente für eine Talstras­se seien: Die wirtschaftliche Entwicklung, die Lebensqualität in den Dörfern sowie die Verkehrserschliessung. «Es ist ein Jahrhundertprojekt», so Höltschi.

Roland Emmenegger, Gemeinderat in Hochdorf, stellte die Sicht der Gemeinden vor. Er zeigte vier sogenannte Hot-Spots auf, in denen die Verkehrsprobleme sichtbar sind. So zum Beispiel die Kreuzung in Eschenbach oder der Kreisel in Hochdorf. Emmenegger zeigte auf, dass die Talstrasse in den Siedlungsleitbildern der drei Gemeinden Eschenbach, Ballwil und Hochdorf aufgeführt ist. Die Ziele einer Umfahrungsstrasse: Die Entlastung der Zentren vom Transit- und Schwerverkehr; die Vermeidung von Schleichverkehr auf Nebenstrassen; eine siedlungsverträgliche Verkehrsanbindung, zum Beispiel der Kiesabbaugebiete; die Vermeidung gravierender Konflikte mit der Umwelt und der Raumplanung sowie die finanzierbare und wirtschaftliche Realisierung. «Wir Gemeinderäte brauchen schlussendlich eine Entscheidung der Bevölkerung», so Emmenegger weiter. Und er sei froh, dass endlich die Argumente auf den Tisch kommen.

«Keine Lösung der Probleme»

Die Kontra-Position der IG QuerfeldNein stellte Klaus Helfenstein, Prorektor der Kantonsschule Seetal, vor. Die Mobilität wachse stärker als die Bevölkerung. Die IG sage aber Nein zur Talstrasse. «Viele im Seetal sind nicht einverstanden mit der Haltung der Idee Seetal.» Neben dem Verlust von Kulturland, eines Naherholungsgebietes und einer bedeutenden Landschaft bezweifelte Helfenstein vor allem den tatsächlichen Nutzen einer Umfahrungsstras­se, denn diese würde nur eines bringen, nämlich Mehrverkehr. «Eine Studie aus dem Jahr 2005 zeigt auf, dass die Entlastung der Dörfer nur 20 Prozent ausmachen würde», sagte Klaus Helfenstein. Viele würden von Ballwil und Eschenbach auch in Zukunft auf der alten Strasse nach Hochdorf fahren, weil die Benutzung der Talstrasse zu kompliziert sei. «Die Talstrasse bringt keine Lösung.» Helfenstein zeigte zudem  mit einer Karte des Kantons den Wildtierkorridor, der von geplanten Talstrasse durchschnitten würde. Und er machte sich Sorgen über das «national bedeutsame Naturschutzgebiet» zwischen Hochdorf und Baldegg, welches durch Mehrverkehr, Lärm und Ausbau der Strasse zusätzlich belastet würde. Helfensteins Vortrag wurde mit einem kräftigen Applaus quittiert.

Vorprojekt soll Fragen klären

Roland Meier, Projektleiter bei der vif, stellte anschliessend die Variantenprüfung und den Stand der Arbeiten an der Talstrasse vor. Es seien einige Varianten geprüft und analysiert worden. Schliesslich habe man sich auf einige wenige Varianten konzentriert, welche eine Reduktion des Verkehrs in den Ortszentren erreichen sowie den Anschluss an den Entwicklungsschwerpunkt und die Kiesabbbaugebiete sicherstellen würden, umweltverträglich seien sowie die geringsten Kosten aufweisen. Mit einer Nutzwertanalyse und einer Kosten-Wirksamkeitsanalyse seien die Varianten nochmals überprüft worden. Schliesslich habe der Regierungsrat sich für die Prüfung von vier Varianten entschieden und dies auch im Oktober 2013 so kommuniziert. «Im nun laufenden Vorprojekt werden alle offenen Fragen bezüglich Umweltverträglichkeit, Bilanz Fruchtfolgeflächen, Wildtierquerungen und Landschaftsgestaltung geklärt», so Meier. Wie schon gegenüber dem «Seetaler Bote» von vergangener Woche erklärt, gehe es nun darum, die Grundlage für das Vorprojekt zu erstellen, mittels Bodenproben und Grundsatzabklärungen. Abschliessend zeigte Meier die einzelnen Schritte vom Vorprojekt bis zur Volksabstimmung über einen möglichen Kredit auf.

Ein Drittel Entlastung

Nach einer Stunde Informationen und Stellungnahmen eröffnete Anita Dietrich die Fragestunde, wieder mit der eindringlichen Bitte nach Sachlichkeit und Objektivität. Die Situation, dass die Fragen vorne an einem Mikrofon gestellt werden mussten, hielt niemand von einer Wortmeldung ab. Zum Teil hielten die Gegner Reden ab und wiederholten die mittlerweile bekannten Argumente. Nur Louis Balthasar aus Hochdorf trat für das Vorgehen des Kantons ein. «Lasst doch die Leute arbeiten. Das sind Profis. Wir können dann in der Volksabstimmung Ja oder Nein sagen.» Die meisten Wortmeldungen kamen von offensichtlichen Gegnern der Talstrasse. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet dabei vor allem die Dienststelle Vekehr und Infrastruktur. Beat Hofstetter machte sich dabei keine Freunde, als er sich weigerte, den Preis zu nennen, welchen Landwirte für enteignetes Land vom Kanton bekommen. Sein Arbeitskollege Urs Meier nahm indessen Stellung zur Studie, welche eine Entlastung der Dörfer durch die Talstrasse von rund 20 Prozent voraussagte. «Diese Studie haben wir in Auftrag gegeben. Die Zahlen sind sicher nicht falsch, aber ich würde heute von einer Entlastung von rund einem Drittel sprechen.» Roland Emmenegger als Gemeindevertreter sprach aus, was wohl viele dachten: «Ich kann mir nur vorstellen, in einem Mitwirkungsprozess eine vernünftige Lösung zu finden.»

Als Abschluss des Abends wurde ein von der Idee Seetal AG aufwendig produzierter, älterer Film gezeigt. Eine Off-Stimme warnte eindringlich: «Der Verkehr macht die Dörfer kaputt.» Und: «Die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt, bis gar nicht mehr vorhanden.» Die Lösung der Verkehrsprobleme, so Pius Höltschi im Film: «Die Talstrasse». Dieser Abschluss des Abends, der vor allem von Gegnern der Talstrasse besucht wurde, zeigte deutlich die verhärteten Fronten und sorgte unter dem Publikum spürbar für Unmut.

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