«Wir wollen die Liebe feiern»

Jenny Weber traut als Zeremonienleiterin Brautpaare. Sie ist überzeugt davon, dass ihre Hochzeitszeremonie bald beliebter ist als die kirchliche Hochzeit. Als Geschäft mit der Liebe sieht sie ihr Angebot nicht. Trotz hohen Preisen.

Für Jenny Weber ist die Liebesgeschichte eines Paares der Kern ihrer Zeremonie. Foto pd

Als Jenny Weber ein Teenager war, stellte sie sich eine Hochzeit ganz klassisch vor. Weisses Kleid, Trauung vor dem Altar, der Pfarrer nimmt dem Paar das Versprechen ab. «Wie vielen anderen Mädchen gefiel mir dieses Bild.» Heute kann sich die 27-Jährige nicht mehr vorstellen, kirchlich zu heiraten. Sie ist überzeugt davon, dass es vielen jungen Menschen ähnlich ergeht. «Der Bezug zur Kirche fehlt, da der Glaube nicht mehr aktiv gelebt wird. Wir wollen nicht Gott feiern, sondern die Liebe.» Weber ist aber auch der Meinung, dass eine Trauung auf dem Standesamt vielen Paaren nicht reicht. Aus diesem Grund hat sie sich dazu entschieden, eine Alternative zur kirchlichen Hochzeit anzubieten. Ihre Paare trauen sich im Wald oder auf einer blühenden Sommerwiese. Die Liebesgeschichte des Paares erzählt Jenny Weber als Zeremonienleiterin, es werden Rituale vollzogen. «Eine solche Zeremonie ist sehr persönlich und nur auf das Paar zugeschnitten.»

Warm und freundlich
Das Gespräch mit Jenny Weber findet in ihrer Wohnung statt. Hier empfängt sie auch interessierte Paare, die in einem «Kennenlerngespräch» mehr über die Hochdorfer Zeremonienleiterin erfahren und umgekehrt. Webers Wohnung ist schmuck gestaltet. Bei der Innen­einrichtung wurde nichts dem Zufall überlassen. Sämtliche Möbel, Teppiche, Stühle und Accessoires sind farblich aufeinander abgestimmt. Die Räume wirken warm und freundlich. Das passt zu Jenny Weber. Sie achtet auf ihr Äus­seres, lächelt stets freundlich und gibt sich dem Gast gegenüber offen. Man merkt, dass Weber viel daran liegt, bei diesen Gesprächen einen guten Eindruck zu hinterlassen. Der etwas abgedroschene Spruch «Komm als Fremder, geh als Freund» scheint sie verinnerlicht zu haben. «Es ist eine Stärke von mir, schnell einen Draht zu fremden Leuten aufzubauen», sagt sie über sich.

Das muss Jenny Weber auch können. Schliesslich möchte die Hochdorferin von den Paaren persönliche Details erfahren. «Damit ich an der Zeremonie glaubwürdig bin, muss mir das Paar möglichst viel über sich erzählen.» Vor allem ihre Liebesgeschichte sei wichtig, betont Weber.

Zeremonienleiterin dank Freundin
Diese Liebesgeschichten sind auch der Grund, weshalb sich Jenny Weber vor einem Jahr dazu entschied, die Ausbildung zur Zeremonienleiterin in Angriff zu nehmen. Auf der Hochzeit einer Freundin erlebte sie zum ersten Mal eine solche Zeremonie und durfte diese aktiv mitgestalten. «Meine Freundin wollte, dass ich die Liebesgeschichte von ihr und ihrem Mann erzähle, da ich die beiden sehr gut kenne.» Die zehnminütige Redezeit war für Weber sehr emotional. «Ich habe es richtig genossen und war fast ein bisschen traurig, dass es schon zu Ende war», sagt sie lachend. Am nächsten Tag recherchierte die junge Seetalerin im Internet. Schnell fand sie eine Ausbildungsmöglichkeit in Olten. «Ich habe mich noch am selben Tag angemeldet.»

Inzwischen hat Jenny Weber bereits die erste Trauung hinter sich. Am vergangenen Samstag vermählte sie einen Mann und eine Frau. «Ich war etwas nervös.» Trotzdem habe sie immer Ruhe ausgestrahlt. «Das ist wichtig in meiner Rolle. Schliesslich ist es meine Aufgabe, dem Brautpaar ein sicheres Gefühl zu vermitteln.»

30 bis 40 Stunden pro Zeremonie
Jenny Weber findet es faszinierend, so viele verschiedene Geschichten über fremde Menschen zu erfahren. «Es ist unglaublich, wie nahe mich die Paare an sich heranlassen.» Sie habe bei den bisherigen Gesprächen auch mit ganz verschiedenen Charakteren zu tun gehabt. Offen seien daher nicht alle gleich. Hemmungen habe sie bisher aber noch nie vernommen. Das Verhältnis sei halt trotz aller Nähe und Offenheit professionell.

Weber erhält laufend neue Buchungen. Bei drei Paaren steht bald das «Kennenlerngespräch» an. Finanziell ist sie nicht abhängig von ihrer Tätigkeit. Sie arbeitet zu 80 Prozent als Sozialpädagogin. Die Trauungen sind trotzdem nicht ganz günstig. Für eine komplette Hochzeitszeremonie mit Gespräch, Planungstreffen, Liebesgeschichte schreiben und Vorbereitungen vor Ort treffen, verlangt sie 1950 Franken. Ab 50 Kilometer Anfahrtsweg kommen noch Reisespesen hinzu. «Ich weiss, das ist ein stolzer Betrag und für manche vielleicht zu viel.» Trotzdem sei dieser Ansatz gerechtfertigt. «Pro Zeremonie investiere ich zwischen 30 und 40 Stunden. Man sieht halt die Arbeit im Hintergrund zu wenig.» Zudem sei es auch möglich, grössere Änderungen während der Planung vorzunehmen, ohne mehr bezahlen zu müssen.

Jenny Weber betont, dass es für sie eine Herzensangelegenheit ist, Zeremonienleiterin sein zu dürfen. Für sie sei es daher kein Geschäft mit der Liebe. Da die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen steige, bestehe aber eine gewisse Gefahr, dass diese Marktlücke ausgenutzt werden könnte. Sie wolle da nicht mitmachen. «Wenn ich beim ‹Kennenlerngespräch› merke, dass die gegenseitige Chemie nicht stimmt und ich nicht mit dem Herzen dabei bin, mache ich die Zeremonie nicht.»

von Jonas Hess

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