Das Mittelalter erlebt ein Revival
Kathrin Aerni
Ein Hammerschlag hallt über den Hof. Metall trifft auf Metall. Dazwischen mischen sich Stimmen, Musik und das geschäftige Treiben an den Marktständen. Auf dem Hof Herrendingen – wo sonst der Alltag den Takt vorgibt – war am letzten Wochenende mittelalterliches Handwerk, historische Gewänder und das Lagerleben Trumpf. Der Verein Arbor Noctuarum, was «Baum der Eulen» bedeutet, führte den Mittelaltermarkt bei Nieselregen nach 2024 bereits zum zweiten Mal durch. Und brachte damit eine längst vergangene Zeitepoche – das Mittelalter vor über 500 Jahren nach Christus – ins Luzerner Seetal. Für den fünfköpfigen Verein ist es jeweils eine grosse Herausforderung, ein Event dieser Grössenordnung auf die Beine zu stellen. Das Ziel des Vereins ist es, «das Mittelalter und die alte Handwerkskunst wieder aufleben zu lassen», sagt Sibylle Bütler (Marketing und Public Relations). Darüber hinaus sollen die Besuchenden den Alltag hinter sich lassen können.
Die Welt des Mittelalters mit allen Sinnen wahrzunehmen
Rund 40 Marktstände laden dazu ein, die Welt des Mittelalters mit allen Sinnen zu entdecken: Riechen, Schmecken, Hören, Sehen und Tasten. Individuelle, aufwendige Handwerkskunst statt Massenware ist gefragt und wird von den verschiedensten Handwerkern mit Stolz demonstriert. Ein Mann schnitzt beispielsweise nebst Brot- und Fleischbrettchen auch Bögen. Und die mittelalterliche Band Solthyri, die auch am Markt auftritt, schnitzt ihre Instrumente selber.
Die Handwerkskunst – vom Bogenbauer über den Nadelbinder bis hin zur Seifenseiderin – verlangt viel Geduld und Geschick. Letztere stellt eine eigene Marktseife her, ein Gemisch aus Kastanien und Lavendel wird am Feuer erhitzt. Am Stand nebenan ist ein Marktfahrer anzutreffen, der nebst mittelalterlichen Taschen, auch Fantasy-Taschen, kurze Capes und bestickte Gugen feilbietet. Den Besucherinnen und Besuchern wird schnell einmal bewusst, dass an diesem Markt fast jeder Gegenstand ein Unikat ist. Ein Wikinger mit Axt: «Musik und Gauklerei, aber auch der feine Honigwein gehört für mich zum Mittelaltermarkt.
Der heurige Markt setzt auf Erlebnis
Vorletztes Jahr habe der Mittelaltermarkt auch am Hof Herrendingen stattgefunden, und das zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums, sagt Vereinsmitglied Sibylle Bütler. «Es ist die ideale Location. Wir haben dieses Jahr bewusst auf weniger Marktstände gesetzt, dafür die Anzahl der Heerlager erhöht, um das mittelalterliche Leben besser zu präsentieren.» Sie hätten viel positives Feedback erhalten. Bütler selbst ist seit vier Jahren aktiv in der Szene und freute sich besonders auf den Höhepunkt vom Samstagabend: die Feuershow. Sie selbst ist unter anderem für die traditionelle Degustation von den 15 Sorten Met (Honigwein) verantwortlich. Soeben ist eine Gruppe mit dem öffentlichen Verkehrsmittel angereist und erhält eine Kostprobe.
Die Mischung aus Geräuschen, Gerüchen und Begegnungen, macht den besonderen Reiz des Mittelaltermarktes aus. Dazu gehört die Musik der Spielleute und das geschäftige Stimmengewirr zwischen den Ständen. Auch das Kulinarische kommt nicht zu kurz. Pizzen und Flammkummen kommen direkt aus dem Holzofen. Der feine Duft von Fleischspiessen liegt in der Luft.
In etwa die Hälfte der Besuchenden ist in einem mittelalterlichen Gewand unterwegs, wie eine junge Frau, die einen Rock aus Wolle und Leinen trägt. Meistens sind es zwei, drei Schichten übereinander. Ihr Begleiter steckt in einer Ritteruniform und hält eine Lanze in der Hand. «Das Mittelalterkostüm ist teurer als meine Ritter-Ausrüstung», sagt er schmunzelnd. «Ich habe sie günstig erwerben können.»
Staunen, ausprobieren und mitfiebern
Auch für Familien gab es einiges zu entdecken: Ritterspiele, das Schleifen von Speckstein und Schwertkampfvorführungen sorgten für Abwechslung. Gerade für Kinder wurde dadurch die Geschichte greifbarer. Nicht zuletzt, weil sie es selbst ausprobieren konnten.
Drei mittelalterliche Bands – Solthyri, die Spielleute Skatefryd und die Helle-Barden – gaben Konzerte zum Besten und brachten gute Stimmung unters Volk. Zudem war am Samstagabend die Feuershow der Fireknights ein weiterer Höhepunkt: Als die Dämmerung den Hof in ein anderes Licht rückte und das Spiel mit dem Feuer und der Bewegung begann, wurde es mucksmäuschenstill.
«Die 3000er-Publikumsmarke ist geknackt worden», freute sich Mitorganisatorin Sibylle Bütler. Und das trotz Regen. Insbesondere am Sonntag seien die Besucherinnen und Besucher in Scharen gekommen. «Wir sind sehr zufrieden», zog Bütler ihr Fazit. «Das neue Konzept mit viel Erlebnis, freiem Eintritt und mehr Heerlagern ist voll aufgegangen.»
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