Im Seetal haben die Störche eine neue Heimat gefunden
Jonas Baud
Wer durch das Luzerner Seetal fährt, kann sie fast nicht übersehen – die zahlreichen Weissstörche, die sich hier niedergelassen haben. Man sieht die majestätischen grossen Vögel unterwegs rumstolzieren oder ihre Kreise ziehen in der Luft, oder man kann sie beobachten auf Dächern, wo sie ihre Nester gebaut haben; etwa auf der Kirche vom Kloster Baldegg, auf dem Landigebäude in Hochdorf oder auf dem Megalith-Turm von Richensee. Auch auf Handyantennen, Masten und Wohnhäusern sind sie anzutreffen. Ihre Anzahl hat in den letzten Jahren zudem deutlich zugenommen. Gemäss der Gesellschaft «Storch Schweiz» leben aktuell 49 Brutpaare im Seetal – 20 in Baldegg, 15 in Hitzkirch, 7 in Hochdorf, 4 in Aesch und je eins in Hohenrain Gelfingen und Ballwil, diese haben (Stand 18. Juni) 127 Junge auf die Welt gebracht. Zum Vergleich: 2022 lebten «nur» 29 Brutpaare in dieser Region. Die Störche scheinen das Seetal also als sehr attraktiven Wohnort zu betrachten. Insgesamt liegt ihr Bestand in der Schweiz 2026 bei über 1300 Brutpaaren – sie sind auf der Roten Liste aber immer noch als «nahezu bedroht» aufgeführt.
Oft auch im Winter hier
Doch warum eigentlich mögen sie das Seetal? «Der Weissstorch bewohnt Flussauen und Landwirtschaftsland mit angrenzenden Feuchtgebieten. Das Seetal bietet genauso einen Lebensraum», sagt Livio Rey, der Mediensprecher der Vogelwarte Sempach. So sind sie oft in der Nähe vom Baldegger- und Hallwilersee zu sehen. Früher flogen Störche bis nach Westafrika zum Überwintern, nun fliegen einige im Herbst «nur noch» auf die Iberische Halbinsel. Die milden Winter der Schweiz haben dazu geführt, dass viele Störche auch in der nicht mehr ganz so kalten Jahreszeit hierbleiben – denn es liegt nur noch selten Schnee, was die Suche nach Nahrung für sie vereinfacht. Die Tiere fressen Mäuse, Amphibien, Insekten wie Libellen oder Heuschrecken und Regenwürmer, wobei die genaue Zusammensetzung je nach Region etwas anders sein könne.
Sie passen auf sich selber auf
Zurück zum Winter – laut der Citizen-Science-Plattform ornitho.ch, wo Naturbegeisterte ihre Beobachtungen eintragen können, hat die Zahl der überwinternden Störche im Seetal ab 2012 stark zugenommen. In den letzten Jahren gibt es wieder weniger Beobachtungen, aber nach wie vor verbringen Weissstörche den Winter in der Region. «Ob das aber ganzjährig dieselben Individuen sind, oder ob es einen Austausch gibt, kann mit diesen Beobachtungen nicht gesagt werden», führt Livio Rey aus. Die Vögel können sich also gut anpassen an sich verändernde Verhältnisse.
In der Schweiz kümmert sich die Gesellschaft Storch Schweiz um den Weissstorch. Insgesamt gehören 20 Arten zu dieser Vogelfamilie. Der Schwarzstorch war bisher hierzulande nur auf dem «Durchflug» zu sehen, doch in diesem Jahr gelang erstmals der erste Brutnachweis dieser Art in der Schweiz. Der Fokus von «Storch Schweiz» ist gemäss eigenen Angaben auf ihrer Website in der Aufklärung der Bevölkerung, der Datenerhebung, der Dokumentation von Gefahren, der Öffentlichkeitsarbeit und der Erstellung und Sicherung von Nistplätzen. «Die wilden Weissstörche werden also so weit wie möglich in Ruhe gelassen und nicht Hier kümmern sich die Storcheneltern um ihre Jungen. FotoPeter Grütter mehr im eigentlichen Sinn betreut», so Rey. Sie zu füttern, ist daher nicht notwendig.
Störche können laut der Vogelwarte recht alt werden. «Der unseres Wissens älteste Weissstorch in der Schweiz wurde 39 Jahre alt, der älteste in Europa 43 Jahre», sagt der Mediensprecher. Das seien natürlich Extremwerte. Das Durchschnittsalter ist deutlich tiefer und dürfte beim Weissstorch eher im Bereich von 10 bis 15 Jahren liegen.
Sie können eine Flügelspannweite von bis zu 2,20 Metern haben und werden bis zu 4,5 Kilogramm schwer und aufgerichtet bis zu 150 Zentimeter gross, und ihre Schnäbel können bis zu 19 Zentimeter lang werden. Warum klappern sie damit manchmal eigentlich? «Die Tiere sind praktisch stumm, und das Schnabelklappern dient der Kommunikation und wird bei Erregung geäussert. In der Brutzeit dient es der Paarbildung, aber auch der Abschreckung von Rivalen», erläutert Livio Rey.
Vater und Mutter helfen mit
Wenn die Tiere einen Horst erstellt haben, kehren sie gewöhnlich wieder dorthin zurück, aber es könne auch da zu Wechseln kommen. Im Seetal befinden sich Horste immer in der Nähe von Feuchtwiesen und Flachwasserzonen – laut Pro Natura ist diese geringe Distanz zwischen Neststandort und Nahrungsbiotop für den Bruterfolg von wichtiger Bedeutung.
Warum bauen sie ihr Nest jeweils hoch oben? «Bäume, Felsen oder Hausdächer bieten Sicherheit vor Nesträubern und ermöglichen einen ungehinderten Anund Abflug» erklärt Livio Rey. Dort ziehen die Störche dann ihre Jungen auf. «Beide Elternteile beteiligen sich an der Jungenaufzucht und zeigen keine grösseren Unterschiede. Allerdings sei das Männchen etwas stärker am Nestbau beteiligt. Störche lassen ihren Nachwuchs, sobald er geschlüpft ist, nie alleine, entweder hält Mutter oder Vater Wache. Der Mythos, dass Störche ihren Partnern ein Leben lang treu bleiben würden, kann Rey aber nicht bestätigen. «Der Weissstorch ist nicht unbedingt seinem Partner treu, sondern dem Nistplatz. Da sie immer wieder an denselben Nistplatz zurückkehren, ergibt sich eine scheinbare Treue gegenüber dem Partner», erklärt er. «Dank neuen molekulargenetischen Methoden konnte gezeigt werden, dass es beim Weissstorch durchaus zu Fremdbegattungen kommen kann.» Die Tiere verteidigen ihren Horst notfalls auch gegen Rivalen. «Kämpfe zwischen Störchen kommen vor und werden meist ohne grössere Auseinandersetzungen gelöst. Selten kann es vorkommen, dass diese Kämpfe sehr heftig geführt werden und sogar zum Tod eines Rivalen führen können.»
Gefahren lauern vielerorts
Die Bebrütung der 3 bis 6 Eier dauert rund einen Monat, die Aufzucht dauert weitere rund zwei Monate. Im Durchschnitt werden meist 2 bis 3 Jungvögel flügge. Doch nicht jeder Storchnachwuchs schafft es ins «Erwachsenenalter», so Rey. «Die Überlebensrate eines Weissstorchs im ersten Lebensjahr schwankt zwischen 25-50 Prozent.»
Die Junioren können an vielen Ursachen sterben. «Nasskaltes Wetter führt zu Verhungern oder Erfrieren, weil die Eltern entweder nach Nahrung suchen und die Jungen nicht wärmen können oder umgekehrt. Die Eltern können die Jungen vor Sonne und Regen schützen, ansonsten gibt es auf den Nestern keinen Schutz.» Deshalb könne eine nasskalte Brutzeit für die jungen Weissstörche so verheerend sein. Die Brutzeit beginnt jeweils im April. Welche Auswirkungen dieses Jahr auf die Population in der Schweiz hat, werden aber erst die kommenden Jahre zeigen. Ist denn die Hitze, die diesen Sommer bereits mehrmals grassierte, für den Storch ein Problem? «Nein, meistens nicht», sagt Livio Rey.
Auch für die ausgewachsenen Störche bestehen Risiken, die zum Problem werden können, viele davon hat der Mensch verursacht. Gemäss Vogelwarte sind die grössten Gefahren Kollisionen an Stromleitungen und Stromschläge oder auch Kollisionen im Strassenverkehr, mit Zügen oder an Windenergieanlagen. Dazu kommen weitere Faktoren wie Parasiten oder der Einsatz von Pestiziden. Auch das Fressen von Plastikgegenständen kann zum Tod führen. Natürliche Todesursachen wie Krankheiten, Verhungern oder Verdursten spielen mittlerweile eine untergeordnete Rolle.
Grundsätzlich funktioniert aber das Nebeneinander von Mensch und Storch gut. «Der Weissstorch ist ein Kulturfolger und lebt in der Nähe des Menschen. Er ist dadurch zu einem kulturell wichtigen Vogel geworden. Er ist bekannt und auffällig, das macht ihn bei weiten Teilen der Bevölkerung zu einem beliebten Vogel», so Rey. Der Storch hat sich an Menschennähe gewöhnt und ist nicht sehr scheu.
1950 waren die Störche in der Schweiz ausgestorben
Erstaunlich daher, dass im Seetal 70 Jahre lang keine Weissstörche brüteten – im Kanton Luzern gab es noch in den 1930er-Jahren Paare. Erst 2008 gelang es gemäss Pro Natura Störchen in Hochdorf wieder, Jungvögel grosszuziehen. Doch warum diese lange Pause? Dafür ist auch der Mensch verantwortlich. Die Flüsse im Mittelland wurden begradigt und ab dem 19. Jahrhundert viele Feuchtgebiete trockengelegt – dadurch verlor der Vogel seine Nahrungsgrundlage und seinen Lebensraum – im Jahr 1950 war der Storch in der Schweiz ausgestorben.
Tierfreunde wollten das nicht einfach so akzeptieren – besonders der Solothurner Max Bloesch (1908-1997), später auch als «Storchenvater» bekannt, setzte sich vehement dafür ein, dass die Störche wieder ins Land zurückkehrten. Mit Erfolg. Er baute mit anderen Vogelschützern ein Storchzentrum in Altreu SO auf und ausserdem 22 Aussenstationen zwischen Genfer- und Bodensee; damit erreichte er, dass sich die Störche wieder nachhaltig hier ansiedelten.
Nun sind sie hier in der Region sichtbarer denn je, und ihr «Siegeszug» ist auch weiterhin nicht aufzuhalten. Sie sind aus dem Seetal nicht mehr wegzudenken.
Warum bringen denn die Störche unsere Babys?
MÄRCHEN Auch heute noch erzählen viele Eltern ihre Kindern die Geschichte, dass ein Storch die Babys bringt. Die Kinder beginnen bekanntlich früh Fragen zu stellen und wollen wissen, wo sie herkommen. Um Sexualität nicht schon früh erklären zu müssen, denken die Erwachsenen wohl, es ist einfacher, ihrem neugierigen Nachwuchs so ein Märchen aufzutischen. Doch wie kommt man eigentlich darauf, dass ausgerechnet der Storch aus Verlegenheit als «Babybote» herhalten muss?
Der «Meister Adebar», wie der Storch in den Fabeln genannt wird, wirkt gross und stark und könnte also theoretisch in seinem Schnabel auch ein Baby transportieren. Die Störche halten sich gern in der Nähe von Gewässern und Teichen auf. Gemäss einem alten deutschen Volksglauben dachte man früher, dass die Seelen der Kinder in Gewässern leben. Der Storch fliegt laut der Legende dorthin, fischt die Neugeborenen da raus und wickelt sie in Tücher. Er trägt dieses lebendige «Bündel» dann zum Haus, wo die Menscheneltern wohnen.
Bevor der Storch so gnädig ist und das Baby der Mutter schenkt, beisst er ihr ins Bein oder den Fuss. Dadurch erkrankt sie und darf einige Tage ihr Nachtlager nicht verlassen. So erklärten die Eltern den Kindern, warum die Mutter sich so lange schonen musste und nicht «zwäg» war.
Der Begriff «Storchenbiss» wird übrigens auch heute noch medizinisch verwendet. Dabei handelt es sich um einen rosafarbenen Fleck auf der Stirn, im Nacken, an den Augenlidern oder an der Nasenwurzel. Dieser kommt bei fast der Hälfte der Babys vor. Dabei handelt es sich um ein Feuermal (Naevus flammeus), das eben auch «Storchenbiss» genannt wird. Es handelt sich dabei um eine gutartige Hautveränderung, die meist in den ersten drei Lebensjahren wieder ganz verschwindet.
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