Zu Fuss zum Nordkap und zurück
Die Fragen stellte Fritz Kammermann
Wann entstand Ihr Wunsch für diese besondere Pilgerreise?
Seit meinen Teenagerjahren träumte ich diesen Traum. Auslöser war das Buch «Laila, das Mädchen aus Lappland». Ich fühlte mich von Anbeginn der Romanfigur nah. Als ich dann endlich im Norden Europas ankam, spürte ich tatsächlich eine Art Heimkommen. Ich wurde erstaunlicherweise wiederholt in samischer Sprache angesprochen. Eine Dame meinte sogar «du bist doch eine von uns». Vielleicht stimmt das sogar, denn gemäss Test habe ich in meiner DNA 47 Prozent skandinavische Anteile. Trotzdem weiss ich nichts von irgendwelchen Vorfahren aus dem Norden.
Vor vier Jahren sind wir uns zufällig auf einem Pilgerweg begegnet. Es folgten weitere Zusammentreffen in anderen Ländern. Zufall?
Wir haben uns sogar zwei Mal in Österreich getroffen. Im Jahr darauf begegneten wir uns in Frankreich auf dem Jakobsweg und nur ein Jahr später haben wir uns in Santiago wieder getroffen. Ich glaube nicht an Zufälle, alles hat seinen Sinn.
Sie sind im März letzten Jahres gestartet und durch ganz Deutschland, Dänemark und Norwegen gepilgert – eine Strecke von rund 5000 Kilometer bis zum Nordkap. Erzählen Sie etwas von den Highlights auf diesem langen Weg.
Ein «besonderer Moment» war für mich, als ich in Skagen am nördlichsten Punkt Dänemarks den einen Fuss in der Nordsee und den anderen in der Ostsee hatte. In Norwegen von einem Boot aus Wale zu beobachten und in Schweden mit Huskys Schlittenfahrten durch die verschneite Landschaft zu machen, hat mir auch sehr gefallen. Auf meinem Rückweg hat mir der Osten Deutschlands imponiert mit vielen hübschen und sauberen Dörfern und Städten, mit weiten grünen Landschaften, freundlichen und fröhlichen Menschen und mit einem absolut zuverlässigen öV.
Pilgern Sie aus religiösen Gründen?
Eher nicht, aber wenn eine offene Kirche am Weg liegt, dann gehe ich hinein. Viele Kerzen für den Frieden auf der Welt habe ich angezündet. Dabei habe ich immer auch an die Kriegsherren gedacht und für eine Einkehr der Vernunft gebeten. Bei Kirkenes an der Grenze zu Russland hat der Kioskbetreiber bei einer hölzernen Bärenfigur extra Platz für meine Kerze gemacht. Früher in den Achtzigerjahren habe hier eine Peace-Fahne im Wind geflattert, die damals von Schweizern auf Motorrädern mitgebracht worden sei. Eines Tages sei sie verschwunden gewesen. Und nun kommt wieder eine Schweizerin, die eine Kerze mitbringt.
Ihr Markenzeichen ist Ihr «Wägeli». Ihren Rucksack ziehen Sie auf zwei Rädern hinter sich her. Wo liegen die Tücken mit einem solchen Anhänger im Schlepptau?
Schwierig sind steile Wege und Treppen nach oben. Oft habe ich aber freiwillige Helfer gefunden und damit Gelegenheit für einen kleinen Tratsch. Den Rucksack hinter sich herziehen, ist rückenschonend. Ich brauche ausserdem dank der Haltegriffe keine Stöcke, und wenn es bergab geht, sind die Bremsen am Wägeli eine Hilfe.
Sie sind vom Nordkap 200 Kilometer zurück nach Alta und haben dort zwei Monate überwintert bei eisiger Kälte und langen dunklen Nächten. Was war das Besondere an dieser Extremsituation?
In Alta hatte ich sehr viel Zeit. Ich erlebte fasziniert die extreme Kälte des Nordens, beobachtete das Zufrieren des grossen Flusses vor meinem Häuschen. Die Kälte ist hier trocken, ganz anders als bei uns. Tagsüber lagen die Temperaturen bei minus 15 Grad. Lästigen Pflotsch gibt es hier nicht. In grösseren Orten sind Spikes an den Schuhen wegen des festgetretenen Schnees unverzichtbar.
Welche Erscheinungen und Vorkommnisse in der Natur haben Sie beeindruckt?
Das Phänomen der Mitternachtssonne, wenn die Sonne Tag und Nacht am Himmel steht, gibt es auch umgekehrt. Wenn die Sonne im Winter ausbleibt, übernimmt der Mond während 24 Stunden die Himmelsherrschaft. Es ist nie durchgehend stockdunkle Nacht. Eine gewisse Zeit lang herrscht eine Art Dämmerung. Mond und Schnee erhellen die Landschaft ebenfalls ein wenig. Faszinierend und mystisch ist, Polarlichter zu beobachten. Die tanzenden Lichter erscheinen von blossem Auge eher grau. Erst durch die Kamera werden die verschiedenen Farben sichtbar.
Sie hatten sehr viel Zeit für sich. Wie haben Sie dies erlebt?
Geschätzt habe ich in der Einsamkeit den Besuch meiner Familie und von Freunden. Daneben machte ich Homeoffice. Ich unterstütze KMU und Vereine online bei ihrer Buchhaltung.
Zurück zu den Samen und Ihre Verbundenheit mit dieser Volksgruppe.
Die folgende Begebenheit widerspiegelt die grosse Menschenfreundlichkeit der Samen. Ich musste zwischen Kautokeino und Karasjok den Bus wechseln. Der Umsteigeort war lediglich ein Parkplatz. Es herrschten hohe Minusgrade und der Buschauffeur wollte mich deshalb auf keinen Fall zum Warten aussteigen lassen. Stattdessen funkte er seinem Kollegen und fuhr ihm etwa eine Viertelstunde entgegen. Es folgte dann ein fliegender Wechsel von Wägeli und mir innerhalb von 30 Sekunden. Beim Wegfahren sah ich, wie die anderen Buspassagiere mir fröhlich zuwinkten.
Sie haben insgesamt 5000 Kilometer in 16 Monaten zu Fuss bewältigt. Wie geht Ihr Körper mit solchen Strapazen um?
Eine Strecke von 15 Kilometern pro Tag ist gut zu machen. Ich bin nicht von Blasen geplagt und habe dank Wägeli keine Rückenprobleme. Ich spüre eine grosse Dankbarkeit dafür in mir. Stark beansprucht war stets mein Verstand, weil der Aufwand für die Routenführung doch recht gross ist. Alles online von der Streckenplanung über die Suche nach Unterkünften und Verpflegungsmöglichkeiten bis hin zum Lösen von Tickets für Bus, Zug und Schiff.
Was war spontan Ihr schönstes Erlebnis? Und gab es je einen Moment, an dem Sie aufgeben wollten?
Einmalig für mich war mein Ankommen am Nordkap mit dem Wissen, dass mein Wunschtraum in Erfüllung gegangen ist. Aufgeben gab es nie für mich, ganz ehrlich. Ich hatte auch nie Heimweh.
Die obligate letzte Frage: Werden Sie auch in Zukunft pilgern?
Eine einfache Antwort: Im nächsten Frühjahr bin ich auf dem ökumenischen Pilgerweg im Osten Deutschlands bis Görlitz anzutreffen.
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