Ein Kämpfer auf Rädern
Jonas Baud
«Mein Ziel ist es, irgendwann Weltmeister zu werden», sagt Joel Jung mit einem Lächeln. Der 27-jährige Ermenseer hat also grosse Ambitionen. Die nächste Weltmeisterschaft wird im August 2026 in Brasilien stattfinden, mit 12 Nationen. Ob das Schweizer Team teilnehmen kann, ist noch ungewiss – dafür muss es sich noch qualifizieren. Momentan ist die Schweizer Nati im Rollstuhlrugby auf dem 12. Platz im internationalen Ranking, ist also noch nicht zu den absoluten Topnationen zu zählen. Ein grosses Highlight wäre für die helvetische Equipe aber auch, wenn sie die nächsten Sommer-Paralympics, die 2028 in Los Angeles ausgetragen werden, dabei sein könnte. «Dort teilzunehmen, wäre natürlich genial.»
Bei den «Fighting Snakes» dabei
Auch auf Klubebene war Joel Jung bisher sehr erfolgreich, mit seinem Verein «Fighting Snakes» (deutsch: kämpfende Schlangen) aus Nottwil. «Wir wurden schon mehrfach Schweizer Meister, seit ich dabei bin», sagt er mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. Die Schweizer Meisterschaft wird in Form von drei Turnieren ausgetragen – das erste davon fand im November statt, das nächste im April. Und im Juni wird der neue «Swiss Champion» erkoren.
Joel Jung war mit Nati und Klub ausserdem schon an zahlreichen Turnieren mit dabei, beispielsweise an der Europameisterschaft 2025 in Holland, dort belegten die Schweizer den 6. Platz. Als eine der interessantesten Erfahrungen bezeichnet Jung die Teilnahme an einem Turnier in Wellington (Neuseeland). «Ich finde es sehr spannend, dass ich dank dem Rollstuhlrugby so tolle und schöne Reisen unternehmen darf», sagt Jung.
Rollstuhlrugby ist eine Sportart, bei der Männer und Frauen mitspielen können, die an mindestens drei Extremitäten eingeschränkt sind, wie Bein-, Rumpf- und Armfunktionen; also auch Tetraplegiker wie Jung. Ziel ist es, mit dem speziell angepasstem Rugbystuhl den Ball hinter die gegnerische Torlinie zu bringen und ein Try (Goal/1 Punkt) zu erzielen. Das Team, das mehr Punkte hat, ist der Sieger. «Es geht bei uns recht schnell und hart zu und her, es ist ähnlich wie Putschibahn fahren an der Chilbi», so Jung. Rollstuhlkontakt ist erlaubt, Körperkontakt jedoch nicht. Im Rugbystuhl ist man dementsprechend geschützt und auch angeschnallt, Kollisionen und Stürze gehören dazu. «Meist sehen diese heftiger aus, als sie sind», erläutert er.
Damit man den Stuhl besser vorwärts bewegen kann und die Hände auch ein wenig geschützt sind, hat jeder Spieler individuelles Equipment, wie Jung seine Gartenhandschuhe. Trotzdem besteht eine Verletzungsgefahr. «Die Hände und auch Arme sind die Schwachstellen, ich habe schon viele Blessuren wie Bänderrisse oder Prellungen erlitten», so Jung. Denn diese seien exponiert, da man die Hände und Arme ausserhalb des gepanzertem Rugbystuhls hat, da der Stuhl tiefer ist und man mit den Händen fast bis zum Boden kommt, kann es durchaus passieren, das die Hände zwischen zwei Stühlen eingeklemmt werden. Sein Problem sei es auch, dass er durch seine Lähmung keine Schmerzen in den Fingern und den Händen verspürt; dadurch habe er auch schon Verletzungen erlitten, die er erst später bemerkt habe.
Wie in jedem anderen Behindertensport gibt es auch im Rugby eine Klassierung nach Funktionseinschränkung. Im Rollstuhlrugby variiert diese von 0,5 bis 3,5 Punkte, je weniger der Spieler eingeschränkt ist, desto mehr Punkte bekommt ein Spieler. Die jeweiligen Teams bestehen aus vier Feldspielern, die zusammen nicht mehr als acht Punkte überschreiten dürfen. Jungs primäre Aufgabe als 0,5-Punkte-Spieler, also der mit den meisten Einschränkungen auf dem Feld, ist es, mit seinem Defensivstuhl zu blocken und Räume zu öffnen für seine Mitspieler. Die Heimturniere und die Trainings finden im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil statt. «Ich trainiere fünfmal pro Woche, und zwar Rugby, Kraft und Ausdauer.» Der Sport nimmt in Jungs Leben also eine zentrale Rolle ein. Er geniesst es auch, mit seinem Team unterwegs zu sein. «Wir haben es lustig zusammen und ziehen uns gegenseitig manchmal auch mit Sprüchen auf. Humor darf also nicht fehlen.»
Schicksalshafter Unfall
Joel Jung ist nicht von Geburt an im Rollstuhl. Er ist in Ermensee aufgewachsen, absolvierte eine Lehre als Maurer und übte danach diesen Beruf aus. Er führte ein normales Leben, er trieb gerne Sport und er war Mitglied im Schützenverein Ermensee. Im Alter von 21 Jahren hatte er ein einschneidendes Erlebnis, das sein Leben für immer verändert hat. «Ich hatte einen Autounfall mit schwerwiegenden Folgen. Ich kann mich aber nicht daran erinnern. Ich bin erst wieder aufgewacht, als ich im Spital gelegen bin.» Er hatte jedoch Glück im Unglück. «Es hätte auch schlimmer ausgehen können.» Zuerst habe er nicht realisiert, was mit ihm passiert sei. Er wurde vollbeatmet, konnte dadurch auch nicht sprechen und ernährt wurde er durch eine Sonde. Nicht einmal die Arme konnte er am Anfang gross bewegen.
«Mein erster Gedanke war, dass ich nun nie mehr laufen kann.» Seine Diagnose lautete Querschnittlähmung, genauer gesagt eine komplette Tetraplegie. Joel Jung hat den sechsten Halswirbel gebrochen und das Rückenmark ist komplett durchtrennt. Durch diese Verletzung hat er noch Bewegungsfunktion im Vorderarm und Anteilen der Schulter, alles unter dieser Läsionshöhe wie Trizeps, Hände und Brust abwärts ist bei ihm gelähmt. Der junge Mann hat dort weder Bewegungsfunktionen noch Sensibilität. «Das war am Anfang natürlich schon hart, auch psychisch war das nicht einfach zu verkraften.»
Im Alltag und beruflich ein neues Leben aufgebaut
Nach dem Unfall konnte Joel Jung im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil eine neunmonatige Reha machen. Er musste jede Alltagssituation neu lernen. Er erhielt eine Tracheotomie, also eine künstliche Öffnung am Hals, um die Atmung zu sichern, und musste lernen, wieder ohne Atemmaschine zu atmen. Durch die Tracheotomie musste er auch wieder lernen zu sprechen, da dabei die Stimmbänder in den meisten Fällen verletzt werden. Schlucken und Essen konnte er auch nicht und lernte dies mit Hilfe von Übungen in der Logopädie. Viele weitere Dinge, die früher selbstverständlich waren wie Kleider anziehen, Zähne putzen, duschen, Toilettengang; all das war auf einen Schlag nicht mehr möglich und wurde in der Reha geübt, so gut es ging. «Ich musste auch meine Muskeln, die ich aktiv ansteuern kann, wieder aufbauen und trainieren, dies auch mit Hilfe täglicher Therapien wie Physio oder Sport», so Jung. Durch die Tetraplegie ist das vegetative Nervensystem betroffen, dadurch kann er auch nicht mehr schwitzen. Auch leidet er unter neuropathischen Schmerzen. Durch die Übungen und operativen Massnahmen kommt Jung nun aber wieder besser zurecht im Alltag. «Heute kann ich sogar wieder Auto fahren, man musste das Auto behindertengerecht umbauen.» Nach seiner Zeit in Nottwil kam er für fünf Monate in eine sogenannte «Para-WG» nach Schenkon. 2021 begann er schliesslich damit, Rollstuhlrugby zu betreiben.
Mittlerweile wohnt Jung wieder im Haus seiner Eltern im rollstuhlgängigen Studio. «Die Wohnung wurde so umgebaut, dass sie für mich einfach zugänglich ist.» Er beansprucht immer noch Hilfspersonen, auch seine Eltern unterstützen ihn. Joel Jung hat sich mit seinem Handicap ein sogenannt «normales Leben» zurückerarbeitet. Er absolvierte eine Umschulung für die Wiedereingliederung nebst einem Praktikum im Büro bei der Lötscher Tiefbau AG in Luzern. Seit dem Sommer 2024 ist er dort in einem 30-Prozent-Pensum als Sachbearbeiter festangestellt. «Ich bin fürs Lehrlingswesen zuständig und kann auch einige Hilfsarbeiten erledigen. Ich fühle mich sehr wohl dort.»
Jung will auch in Zukunft weiterhin dort arbeiten; und auch seiner Leidenschaftt Rollstuhlrugby will er treu bleiben. «Sport hilft uns Rollstuhlfahrern bei der Gesundheit und im Alltag», sagt er. «Ich möchte das auf jeden Fall noch lange ausüben.» Es gebe Leute, die dies bis ins hohe Alter von 70 betreiben. Vielleicht geht daher Jungs Traum vom Gewinn des WM-Titels eines schönen Tages also doch in Erfüllung.
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