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Seetal | Baldegg

Wenn der Name den Menschen verlässt

Am vergangenen Wochenende inszenierte das Freifach Theater der Kantonsschule Seetal mit einer grossartigen schauspielerischen Darbietung das Stück Wer rettet Judas? Unter der Spielleitung von Werner Risi und Zacharias Zumthurm ist in Anlehnung an den Nobelpreisträger Elie Wiesel ein vielschichtiges und aufrüttelndes Stück entstanden. Es ist ein Weckruf und Plädoyer gegen den tiefverwurzelten Judenhass. 

Schergen der antisemitischen Bürgerwehr mit dem selbsternannten Kommandanten (Eliseo Vogel) – der selbst namenlos bleibt – schreiten mit Taschenlampen die Treppen des Zuschauerraums ab. Das wilde Stampfen verbreitet ein dumpfes Gefühl von Furcht und Schrecken einer Gesinnung, die ihr Ziel mit aller Entschlossenheit verfolgt: Die Welt von den Juden zu befreien. Entsprechende «Maßnahmen» hallen chorisch in den Verszeilen von Erich Fried nach und verursachen ein grausiges Frösteln: «Die Faulen werden geschlachtet die Welt wird fleissig / Die Feinde werden geschlachtet die Welt wird freundlich / Die Bösen werden geschlachtet die Welt wird gut». 

Elie Wiesel, 1928 im damals ungarischen Siebenbürgen geboren, wurde 1944 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Seine Eltern, die Großeltern und die jüngste Schwester wurden «geschlachtet». Er überlebte den Holocaust in Buchenwald und verarbeitete sein Schicksal in seinem Roman «Die Pforten des Waldes». 

Die Identität verstecken

In der Tat wird der Wald zum rettenden Versteck des jüdischen Jugendlichen Gregor (Silvio Kambanza Mendes), der sich damit abzufinden lernt, auch seinen Namen zu verstecken. In einer Kette glücklicher Fügungen kommt es zur schicksalhaften Begegnung mit Gabriel (Rayane Brunner). Dieser jüdische Retter ist eine äusserst geheimnisvolle Gestalt. Zwischen Derwisch und Dibbuk bewegt er sich tänzerisch über die Bühne. Ihm haftet etwas Schwebendes an, als wirke er aus einer Zwischenwelt. In seiner tiefen Solidarität mit Gregor schildert er ihm, dass sein Name ihn sogar verlassen habe. Er erzählt es. Als Erzählung. Das Einzige, was bleibt: Das Erzählen. In grossartiger Dramaturgie weiss dieses Stück die Überlebensgeschichte von Gregor zu erzählen. Als fulminante Erzählinstanz vernimmt das Publikum die Erzählstimme von Maria (Johanna Jung), die Gregor in einem Waisenhaus versteckt hielt, aber dafür mit dem Tod bezahlte. Aus dem Jenseits erzählt sie, und erinnert und daran, dass die Personen Namen hatten und eine Geschichte. Durch die magische Kraft erzählender Erinnerung entsteht der Eindruck, als sei Maria noch leibhaftig im Diesseits. Diese Zwischenräume verleihen dem Stück einen Reiz und bei aller Schwere eine gewisse Leichtigkeit. Die eigenartige Verwebung von tragischen und komischen Elementen machen diesen Stoff überhaupt darstellbar und erträglich. 

Eine tiefe Botschaft – mit Sprung in die Gegenwart

Die Inszenierung ist entsprechend als Theater im Theater angelegt: Die Spielleitende wurde im Nachgang einer Mahnwache anlässlich der Hamas-Terrorattacke vom 7. Oktober 2023 verprügelt, und fällt unmittelbar vor der Generalprobe aus. Diese Umstände führen innerhalb dem Theaterensemble zu Chaos, aber die Schauspielenden raufen sich zusammen. Insbesondere Kira, die Souffleuse (Simona Kurmann) schafft Ordnung und verteidigt mit allen Mitteln den vorgesehenen Skripttext. Diese in Szene gesetzte Improvisation verschafft dem Stück etwas Luftiges und sorgt für nötige Prise Humor. Aber spätestens als der Dorflehrer (Elija Merk) mit seinen Schülern das österliche Passionsspiel aufführt, bleibt das Lachen im Hals stecken: Gregor spielt den Verräter Judas – und wird in einer entscheidenden Szene beinahe gelyncht. Spätestens da erwacht das auf der Bühne eingeschlafene Dorfpublikum und weidet sich am abscheulichen Vergnügen, den Sündenbock zu ergreifen. In dieser unsäglichen Mischung von Dummheit, Gleichgültigkeit und jener Banalität des Bösen, von der Hannah Arendt sprach, ergreift Gregor die Schlussworte. 

Es sind eindringliche Worte gegen das Wegschauen – und vor allem für die Menschlichkeit. Eine universelle Botschaft nicht nur gegen eine lange Geschichte des Antisemitismus, sondern auch 30 Jahre nach dem Massaker in Sebrenica und gegenwärtig im Mittelmeer ertrinkenden Menschen, die den Namen verloren haben… Richard Blättel

 


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